Erhebungstechniken - Leistungen und Abläufe erforschen
Methoden zur Erfassung der Realität
Erhebungstechniken werden in Projekten in der
Analyse- oder Definitions-Phase angewendet. Die Wahl der Erhebungstechnik wird beeinflusst von den zu erreichenden Zielen des Projektes und den Rahmenbedingungen (Zeit, Kosten, Stakeholder).
In einer Vorstudie, Hauptstudie oder Anforderungsspezifikation bzw. müssen
Informationen über den Ist-Zustand von Prozessen bzw. Systemen (soziotechnisches System mit Menschen und Maschinen) beschafft werden.
Weiterhin dienen die Erhebungstechniken auch zur
Diskussion und Erhebung von
aktuellen Gegebenheiten und
zukünftigen Entwicklungen in Form einer Bewertung nach Stärken und Schwächen, Chancen und Risiken (SWOT-Analyse).
Ergebnisse aus der Erhebung müssen anschliessend mit verschiedenen Methoden weiter verarbeitet werden. Beliebte Methoden sind:
- Prozessdarstellungen mit BPMN
- Use Cases mit UML
- Sequenzdiagramme mit UML
Die umfassende Tätigkeit des Erhebens (Erhebungstechnik, methodische Aufarbeitung) wird international als
Requirements Engineering bezeichnet.
Da diese weiteren Dokumentationen
wesentliche Projektergebnisse darstellen müssen sie von methodisch geschulten Personen erarbeitet werden. Typischerweise erstellt die Prozessdarstellungen oder Use Cases ein Requirements Engineer, Business Engineer, Business Analyst, Wirtschaftsinformatiker oder Informatiker.
Übersicht der Erhebungstechniken
Die Erhebung kann mit verschiedenen Methoden oder Techniken durchgeführt werden. Die Methoden sind je nach Situation, Zeitplan, Art des Projektes mehr oder weniger für einen Einsatz geeignet.
Methode / Technik
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Ist-Analyse
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Wünsche ausdrücken
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Möglichkeiten aufzeigen |
Marktpotenzial klären |
Interviews
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+
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+
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- |
0 |
Beobachtung
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+
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0
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- |
0 |
| Rollenspiele |
0 |
+ |
0 |
- |
| Fallbeispiele analysieren |
+ |
0 |
- |
- |
| Papier- oder GUI-Prototypen |
- |
0 |
+ |
0 |
| Fragebogen / Umfragen |
+ |
0 |
- |
+ |
| Walkthroughs |
0 |
+ |
+ |
- |
| Marktstudien |
0 |
- |
- |
+ |
| Trouble-Ticket-Auswertung des Servicedesk |
0 |
+ |
- |
0 |
| Benchmarking |
0 |
0 |
+ |
+ |
Legende
+ bedeutet die Methode ist gut geeignet
- bedeutet die Methode ist nicht geeignet
O bedeutet die Methode kann geeignet sein
Interview
Das Interview ist eine stark auf der
persönlichen Ebene aufbauende Erhebungstechnik bzw. -methode. Entsprechendes Gewicht haben die
Wahl der Interviewpartner, des
Ortes und der gewählten
Hilfsmittel. Zu beachten ist, dass kein Gefühl eines Verhörs aufkommen darf. Die Durchführung von Interviews sollte durch die Linienvorgesetzten vorgängig kommuniziert werden, um «die Türen zu öffnen» und die Bereitschaft für einen offenen Dialog zu fördern..
Soweit möglich sind die
zu besprechenden Punkte zwischen den Interview-Partnern
zuvor abzusprechen so dass sich beide Parteien entsprechend vorbereiten können. Ein Fragebogen ist nach einer zu definierenden Struktur aufzubauen, es sollten keine lose Fragensammlung sondern ein strukturierter Fragebogen verwendet werden.
Grundsätzlich gibt es drei Formen von Interviews:
- standardisiertes Interview mit einer vereinbarten Anzahl Fragen, definierten Antwortmöglichkeiten (ja/nein, Skala von/bis)
- halbstandardisiertes Interview mit klarem Fragenkontext einer vereinbarten Grobzahl von Fragen
- nicht-standardisiertes Interview mit einem stichwortartigen Gesprächsleitfaden
Bei einem nicht-standardisierten Interview muss von beiden Seiten hohe Flexibilität vorhanden sein, der Interviewer muss in der Fragetechnik (aktives Zuhören, nachfragen, abtiefen) gut bewandert sein.
Der
Ort des Interviews sollte dem oder den Befragten
vertraut sein, dies erhöht die Auskunfts- und Dialogbereitschaft. Optimal geeignet wäre der persönliche Arbeitsplatz, das Gespräch kann dabei möglichst praxisnah untermalt werden, da weiterführende Unterlagen griffbereit sind. Weiterhin zu beachten ist, dass grundsätzlich nur eine Person das Interview führt und Fragen stellt, eine zweite Person beispielsweise kann die Antworten protokollieren.
Für die Dokumentation des Interviews ist grundsätzlich der vorbereitete Fragebogen bzw. Gesprächsleitfaden anzuwenden. Eine
Aufnahme des Gesprächs ist nützlich, muss aber zuvor abgesprochen werden, ein laufendes Tonbandgerät erhöht das «Verhöhr-Gefühl» deutlich.
Nach Durchführung des Interviews ist das
Protokoll in schriftlicher Form dem Interview-Partner zur Gegenlesung und -zeichnung zur Verfügung zu stellen.
Bei der Formulierung von Fragen kann die KROKUS-Regel angewendet werden:
Kurze Fragen stellen
- Gute Steuerungsmöglichkeiten des Interviewers
- Antworten fallen häufig auch kurz aus
- Befragter wird nicht überfordert
Redundante Fragen vermeiden
- geringe zeitliche Belastung für Befragten
- Gesprächsstruktur ist besser erkennbar
- Dokumentation wird erleichtert
Offene Fragen («W-Fragen») stellen
- Auskunftsbereitschaft wecken
- Zeit zum Nachdenken ist vorhanden
- keine Manipulation des Befragten
- keine Einengung des Befragten, da Antwort offen ist
Unterfragen und Kettenfragen vermeiden
- Alle Fragen werden vollständig beantwortet, es wird nicht nur die letzte Frage behandelt
- weniger Verwirrung des Befragten
Suggestive Fragen verhindern
- der Befragte sagt, was er denkt, nicht was der Interviewer erwartet
- weniger Widerspruch wecken
Der Zeitpunkt für ein Interview ist gegenseitig zu planen, optimal sind Zeiten
von Arbeitsbeginn bis 11 Uhr sowie
von 15 Uhr bis Arbeitsschluss. Die Interviewzeit sollte 30 Minuten nicht übersteigen.
Beobachtung
Die Beobachtung umfasst die optische Aufnahme und Interpretation von Vorgängen im praktischen Arbeitsumfeld. Die Beobachtung erfolgt unidirektional, das bedeutet dass der Beobachter
die Arbeitsweise und die Prozesse erfasst ohne die ausführenden Personen zu hindern oder mit Fragen ein falsches Verhalten zu suggerieren.
Oft wird eine Beobachtung
mit einer Befragung mittels Fragebogen oder mit
einem Interview kombiniert, da eine Beobachtung allein keine Aussagen über Sinn-Zusammenhänge, Ursachen und Zielsetzungen der einzelnen Tätigkeiten zulassen. Empfehlenswert ist auch ein
Interview mit Vorgesetzten durchzuführen und dies mit einer
Beobachtung bei den Sachbearbeitern zu kombinieren.
Der Zeitaufwand für Beobachtungen ist relativ gross, da die Beobachtungen
in Echtzeit stattfinden. Das bedeutet, dass für die Beobachtung die gleiche bzw. mehr Zeit aufwendet wird wie für die normale Abwicklung des zu beobachtenden Prozesses.
Spezifische Formen der Beobachtung sind die so genannte
Selbstaufschreibung und die
Multimomentstudie. Diese beiden Methoden eignen sich für vertiefte Erhebungen von einzelnen Schritten aus beobachteten Abläufen.
- Die Selbstaufschreibung oder Selbstnotierung entspricht einer Prozessbeschreibung aus dem Blickwinkel des Ausführenden. Die Selbstaufschreibung soll mehrmals durchgeführt bzw. überprüft werden um auch spezielle Sachverhalte und wirklich aussagekräftige Notierungen zu erhalten.
- Mit der Multimomentstudie lässt sich beispielsweise ermitteln an wie vielen Arbeitsplätzen welche Tätigkeiten in Prozenten anfallen, die Beobachtung erfolgt in vielen Augeblicken («Multimoment») und ist daher statistisch ziemlich zuverlässig.
Fragebogen / Umfragen
Eine Erhebung mittels Fragebogen oder Umfrage ist einem standardisierten Interview sehr ähnlich.
Der Fragebogen stellt im Gegensatz zum Interview eine
Offline-Variante der Erhebung dar, das bedeutet dass die Fragen vom Interviewer schriftlich zugestellt werden (Papier, E-Mail, Intranet-Formulare) und der Befragte oder die Befragten die Antworten ohne Anwesenheit des Interviewers (asynchrone Bearbeitung) beantworten.
Fragebogen eignen sich insbesondere für folgende Erhebungs-Situationen:
- eine grosse Anzahl von Mitarbeitern soll befragt werden
- quantitative Sachverhalte (Zählen oder Messen)
- sensitive Inhalte, Anonymität ist möglich - ehrliche Antworten sind zu erwarten
- rationale Inhalte die zumindest in jüngster Zeit nicht emotional hochgespielt wurden
- klare Fragen die keiner weiteren persönlichen Erklärungen bedürfen
Das Intranet mit
HTML-Formularen eignet sich für Erhebungen sehr gut, Fragen können illustriert werden, zusätzliche Hilfen und Ergänzungen können bei Bedarf mittels Link abgerufen werden. Die Antworten können direkt in einer
Datenbank gespeichert werden, dadurch werden die Auswertungen optimal unterstützt.
Es empfiehlt sich, vernetzte Fragen zu stellen um die Konsistenzprüfung von Antworten zu ermöglichen.
Walkthroughs
Die Walkthroughs werden heute als aktive Gesprächs- und Arbeitsform häufig angewendet. In lockerer Umgebung, möglichst ohne Business-Kleidung (Dresscode Casual oder Smart Casual) werden Prozesse, Abläufe, Sachverhalte und Probleme diskutiert, visualisiert, Fragen gestellt und soweit möglich direkt beantwortet.
Ein
umfassendes Protokoll mit Fotos der Ergebnisse und Formulierungen der Entschlüsse und des vereinbarten weiteren Vorgehens ist wichtig.
Für die Walkthroughs müssen
Ziele und Rahmenbedingungen vorgegeben werden, eine klare
Agenda mit Themen und
Zeitplan welche die Zielerreichung unterstützt wird vorbereitet und den Teilnehmern im Vorfeld zugestellt.
Die Teilnehmer bereiten sich auf die Themen entsprechend vor und versenden Unterlagen soweit möglich und sinnvoll ebenfalls vorgängig. Wichtig ist eine entsprechende
Vorbereitung des Walkthrough-Objektes mit Pinwänden oder Packpapier-Wänden, welche den Ablauf (
Prozess,
GUI-Umsetzung eines Prozesses usw.) visualisieren.
Wichtig ist eine
spürbare Moderation des Walkthroughs so dass die Agenda eingehalten werden kann und der Walkthrough die Sachverhalte greifbar visualisiert und so die gewünschten Ergebnisse zu den Themen bringen kann. Für die Visualisierung eignen sich Pinwände, Flip-Charts, Wände mit Packpapier, Post-It-Zettel für Notizen, Punkte für Bewertungen usw.
Walkthroughs dienen als Erhebungstechnik vor allem dann, wenn
komplexe Sachverhalte (
Prozesse mit vielen beteiligten Stellen) besprochen und verschiedene Problemlösungen beurteilt werden sollen. Die Erhebung und Lösungsentwicklung an einem Walkthrough geschieht somit öffentlich, alle Anwesenden kennen oder erarbeiten die Ergebnisse.